Nach über zwei Jahrzehnten an der Spitze der Kellerbühne St.Gallen und insgesamt 42 Eigenproduktionen nimmt Direktor Matthias Peter den Hut – beruflich und in seinen letzten Auftritten. Im Gespräch blickt Peter zurück, und erzählt, wie sein Leben ausserhalb des Kellertheaters weitergehen soll
Herr Peter, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an Ihren letzten Abend denken?
Der «letzte Abend» ist für mich kein einzelner Moment. Es gab und gibt viele «letzte Abende». Ich habe mir vor drei Jahren einen genauen Plan gemacht, wie ich meinen Abschied gestalte. Dazu hat das grosse 60-Jahre-Jubiläum der Kellerbühne gehört, und jetzt meine letzte Saison mit Künstlerinnen und Künstlern, die mich über all die Jahre begleitet haben.
Eine Art Abschied in Etappen?
Genau. Ich wollte kontinuierlich Zeichen setzen. Diese letzte Spielzeit ist eine Einladung an mein Publikum, aber auch an mich selbst, zurückzublicken und gleichzeitig Neues zu wagen. Das gilt für die Eigenproduktion «Heartship» im März, ein Herzensprojekt mit zwei grossartigen Schauspielerinnen. Und für die Uraufführung von «Ein nebulo bist du» von Jens Sparschuh im Mai. Mit ihr erfülle ich mir einen lang gehegten Wunsch.
Was macht dieses Stück für Sie so besonders?
Der Text begleitet mich seit Beginn meiner Zeit hier als Schubladenprojekt. Im Zentrum steht der Diener von Immanuel Kant, der nach 30 Jahren entlassen wird. Es ist ein Monolog über das Dienen, über Würde – und über das Abschiednehmen. Diese Figur schaut «von unten» auf die Welt, voller Enttäuschung über die Kündigung, aber auch mit Zuneigung zum langjährigen Herrn. Das berührt mich. Natürlich gibt es Parallelen: Auch ich verabschiede mich von etwas, dem ich über 20 Jahre gedient habe und das nun ohne mich weiterbestehen wird.
Sie sprechen von der Kellerbühne fast wie von einem Gegenüber.
Ja, durchaus. Ich habe mich immer als Diener der Kellerbühne und am Kulturleben der Stadt St.Gallen verstanden.
Nach 22 Jahren: Fällt das Loslassen schwer?
Dank des lange geplanten Abschiedsprozesses nicht. Ich konnte mich Schritt für Schritt lösen. Natürlich werde ich die Freiheit vermissen, ungefragt eigene Produktionen auf den Spielplan dieser renommierten Kulturinstitution setzen zu können. Was ich hingegen nicht vermissen werde, ist die enorme administrative Last. Da freue ich mich auf’s Loslassen.
Ihre Bilanz kann sich sehen lassen: Die Besucherzahlen haben sich unter Ihrer Leitung deutlich gesteigert.
Ja, das ist tatsächlich so. Wir konnten die Besucherzahlen enorm steigern und die Kellerbühne als Referenztheater etablieren. Für viele Künstlerinnen und Künstler ist ein Auftritt hier ein wichtiger Ausweis geworden. Besonders freut mich, dass wir auch nach der Pandemie wieder dort stehen, wo wir vorher waren. Das ist nicht selbstverständlich.
Mit dem Wir sagen Sie, dass der Erfolg auch ein «Gemeinschaftswerk» ist.
Ganz genau. Ich durfte immer auf tolle Teams zählen. Die Kellerbühne funktioniert nur dank vieler Menschen im Hintergrund – dank einer vom Vereinsvorstand gestellten kompetenten kaufmännischen Leitung, dank engagierten Technikerinnen und Technikern und rund 25 Mitarbeitenden an Kasse und Bar, im Bereich der Grafik und der Webbetreuung, die alle halb ehrenamtlich mithelfen. Alle fühlen sich als Teil einer grossen Familie und setzen sich mit viel Herzblut und einem enormen Teamgeist für die Kellerbühne ein. Das ist nicht selbstverständlich und dafür bin ich unglaublich dankbar. Und nicht zuletzt ist da noch meine Frau Rosette. Sie hat mich all die Jahre begleitet, unterstützt, mitgetragen. Bei den Künstlerinnen und Künstlern war sie bekannt als «das schönste Lachen der Kellerbühne». Das sagt eigentlich alles.
Sie hinterlassen auch noch etwas sehr Konkretes.
Ja. Ich habe die Geschichte der Kellerbühne von ihren Anfängen bis heute lückenlos aufgearbeitet und dokumentiert. Das heisst, ich habe der Publikation «Applaus & Zugaben» von 2014 noch einen zweiten Band hinzuzugefügt: «Die Kellerbühne in ihrem sechsten Jahrzehnt». Das ist mein Abschiedsgeschenk an die Kellerbühne.
Mit «Schischypusch» treten Sie im Juni ein letztes Mal in der Doppelfunktion als Schauspieler und künstlerischer Leiter in der Kellerbühne in Erscheinung.
Ja, «Schischypusch» von Wolfgang Borchert ist eine meiner liebsten Rollen. Das Stück erzählt von einer Begegnung zwischen zwei Männern, die beide mit einem Sprachfehler leben und dadurch immer wieder missverstanden werden. Was zunächst komisch wirkt, entwickelt eine grosse Wärme und endet in einer unerwarteten Freundschaft. Für mich ist das ein wunderbarer Abschluss: ein kurzes Stück, das berührt, aber auch leicht genug ist, um danach gemeinsam anzustossen.
Und danach – ein Leben ohne Bühne?
Nein, ich bleibe dem Theater treu. Ich habe ein eigenes Label gegründet, es heisst «Mobiles Text-Theater St.Gallen». Ich werde weiterhin als Schauspieler, Regisseur und Autor arbeiten. Es gibt bereits neue Projekte, etwa ein Solo-Stück über den Volksdichter Jakob Stutz, das im November auch in Herisau und Trogen zu sehen sein wird. Mich interessiert es, historischen Figuren eine Stimme zu geben, sie auf der Bühne wieder lebendig zu machen.
Also kein Abschied, sondern eher ein Rollenwechsel?
So kann man es sagen. Ich verabschiede mich von der Kellerbühne, aber nicht vom Theater. Ich werde mobil unterwegs sein und andere Räume bespielen.
Zum Schluss: Was möchten Sie Ihrem Publikum mitgeben?
Vielleicht das, was ich im Stück «Schischyphusch» ganz am Schluss sagen werde: «Auf Wiedersehen.» Kein endgültiger Abschied also, sondern die Hoffnung, sich wieder zu begegnen – an anderen Orten, in anderen Konstellationen.
Informationen
Vorstellungen von «Ein nebulo bist du – Abschied eines Dieners» von Jens Sparschuh:
- Mai
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www.kellerbuehen.ch
Ticketverlosung:
Für die Premiere von «Ein Nebulo bist du» am 6. Mai verlosen wir 4x2 Tickets. Bitte Email an: ……