Kritik am gegenwertigen Notensystem: Maitlisek Gossau setzt schon jetzt auf ganzheitlichen Ansatz.
23.04.2026 10:00
Kritik am gegenwärtigen Notensystem
Der Verband der Schulleiterinnen und Schulleiter des Kantons St.Gallen kritisiert, dass das neue Volksschulgesetz am traditionellen Notensystem festhält. Die Sekundarschule Maitlisek in Gossau beurteilt dies ebenfalls kritisch und setzt jetzt schon auf ganzheitliche Beurteilung.
Bildung Die Bildungsdirektion des Kantons St.Gallen hat kürzlich den Entwurf des neuen Volksschulgesetzes präsentiert. Die Parteien zeigten sich grundsätzlich zufrieden, sahen aber Verbesserungspotenzial. Nun meldet sich auch der Verband der Schulleiterinnen und Schulleiter St.Gallen (VSLSG) zu Wort. In seinem Positionspapier stimmt er dem Gesetzesentwurf in weiten Teilen zu – äussert sich aber auch kritisch, namentlich zum Thema Leistungsbeurteilung. Es sei aus pädagogischer Sicht sehr bedauerlich, dass das Gesetz ab dem zweiten Zyklus starr am traditionellen Notenzeugnis festhalte. Dies liesse sich mit einem kompetenzorientierten Unterricht und individuellen Lernlandschaften kaum vereinbaren.
Ganzheitliche Beurteilung an der Maitlisek
Die Sekundarschule Maitlisek in Gossau hat sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie eine zeitgemässe Beurteilung aussehen soll – und hat dabei ein eigenes Beurteilungssystem entwickelt, das über die blosse Notenvergabe weit hinausgeht. «An der Maitlisek wird eine ganzheitliche Beurteilung praktiziert, die den Lernprozess als Ganzes begleitet. Wir unterscheiden zwischen qualitativer Beurteilung – also der Erfassung von Prozessen und überfachlichen Kompetenzen – und quantitativer Bewertung, also der Messung mittels standardisierter Masstäbe wie Noten. Die Leistungsbewertung wird ergänzt durch den Lerndialog, Portfolios als Sammlung von Lernbelegen und Lernjournale zur Dokumentation von Fortschritten und Reflexion», erklärt Schulleiter Michel Grunder. Rückmeldungen erfolgen dabei nach einem dreistufigen Modell: «FeedBack», also der Rückblick auf bereits Erreichtes, «FeedUp» zur Klärung des aktuellen Lernstands und «FeedForward» mit konkreten Strategien für die Weiterentwicklung. Kompetenzraster kommen an der Maitlisek punktuell zum Einsatz – jedoch nicht für das Zeugnis, sondern als Ergänzung im Sinne der ganzheitlichen Beurteilung und als Instrument im Lerndialog. Moderne Technologien unterstützen diesen Prozess durch Datenerfassung, automatisierte Rückmeldungen und personalisierte Lernanalysen. Die finale Beurteilung bleibt jedoch stets in menschlicher Verantwortung.
Notenskala: Bilanzierung statt Förderung
Wie gut lässt sich die Notenskala von 1 bis 6 mit dem Anspruch eines kompetenzorientierten Unterrichts vereinbaren? An der Maitlisek hat man dazu eine klare Haltung entwickelt. «Die traditionelle Notenskala wird an der Maitlisek eher kritisch betrachtet, da sie den Fokus oft nur auf die Bilanzierung statt auf die Förderung legt. Kompetenzorientierung verschiebt den Fokus von reinem Faktenwissen hin zu anwendbarem Können. Eine starre Notenskala lässt sich kaum mit individuellen Lernwegen vereinbaren. Unsere Lehrpersonen wenden deshalb ein breites Beurteilungsrepertoire an, um Lernfortschritte differenzierter zu erfassen, als es eine reine Note leisten kann», sagt Grunder. Die Maitlisek strebt damit eine Beurteilung nach Kompetenzen an, die den ganzen Menschen erfasst – nicht nur den Wissensstand zu einem bestimmten Zeitpunkt. Dass dies innerhalb des gesetzlichen Rahmens nur begrenzt möglich ist, empfindet Grunder als echtes Hindernis.
Wo der Schulalltag an Grenzen stösst
Spannungen zwischen modernen Unterrichtsformen und dem traditionellen Notenzeugnis sind im Schulalltag der Maitlisek regelmässig spürbar. Grunder nennt dabei mehrere Konfliktfelder, die sich aus dem Aufeinanderprallen von agilen Lernformen und starren Strukturen ergeben. «Das Notenzeugnis dient oft der Bilanzierung zu einem fixen Zeitpunkt, während moderne Formen eine Echtzeit-Beurteilung und kontinuierliche Entwicklung über längere Phasen anstreben. Das Wort «agil» bedeutet, dass die Lehrperson nicht erst am Ende einer Prüfung eine Note gibt, sondern den Lernprozess ständig begleitet und zeitnah Rückmeldung gibt. Strukturelle Barrieren sind Hindernisse, die im System Schule eingebaut sind – also Dinge, die man als einzelne Person nicht sofort ändern kann, wie Gesetze, Computerprogramme oder alte Gewohnheiten», erklärt Grunder. Hinzu kommt der Selektionsdruck am Übergang in die Oberstufe. Eltern und Schülerinnen machten immer wieder Druck, die Sek meistern zu müssen – obwohl dies teilweise nicht leistbar sei, wie Grunder beobachtet. Dabei zählten oft die überfachlichen Kompetenzen mehr als die reine Fachbeurteilung. Gerade beim altersdurchmischten Lernen und bei individuellen Lernwegen entstehen Reibungsflächen: Was pädagogisch sinnvoll wäre, lässt sich mit dem bestehenden Zeugnis-System nur schwer abbilden.
Motivation durch Eigenverantwortung
Welche Wirkung haben Noten auf die Schülerinnen? An der Maitlisek hat man dazu klare Beobachtungen gemacht. «Die Übernahme von Verantwortung für das eigene Lernen wirkt nach unseren Erfahrungen motivierend und stärkt das Selbstbewusstsein. Konstruktive Rückmeldungen und Peer-Feedback werden als wirkungsvoller für die persönliche Entwicklung erlebt als rein summative Noten. Herkömmliche Beurteilungen können Defizite zementieren. Die Maitlisek setzt daher auf chancengerechte Ansätze, die positive Leistungen hervorheben, um die Motivation zu stärken», sagt Grunder. Dieser Ansatz widerspiegelt sich auch in der Beurteilungsphilosophie der Schule: Die Schülerin soll nicht passive Empfängerin von Bewertungen sein, sondern aktive Gestalterin ihres eigenen Lernprozesses. Sie setzt eigene Ziele, reflektiert ihren Fortschritt und trägt dazu bei, ihre Lernreise selbst zu formen. Feedback aus verschiedenen Perspektiven – von Lehrpersonen, Peers, Assistenzpersonen und digitalen Systemen – ergänzen dabei die klassische Lehrperson-Schüler-Bewertung.
Was Grunder am System verändern würde
Die Frage, wie ein ideales Beurteilungssystem aussehen würde, beantwortet Grunder differenziert. Manches an der aktuellen Praxis der Maitlisek würde er beibehalten – vieles aber auch verändern. «Beibehalten würde ich den Lerndialog, die Schülerin als aktive Gestalterin ihrer Lernreise und die Einbeziehung überfachlicher Kompetenzen. Verändern und verstärken würde ich hingegen: Beurteilungsanlässe vielfältig gestalten und auch vielfältig beurteilen – mit Rastern, Wortrückmeldung, Selbst- und Fremdeinschätzungen. Dazu die verstärkte Nutzung von digitalen Tools und Learning Analytics, um Lernprozesse kontinuierlich sichtbar zu machen und adaptive Unterstützung zu bieten», sagt Grunder. Und schliesslich plädiert er für strukturelle Veränderungen, die über die einzelne Schule hinausgehen. «Erhöhung der Durchlässigkeit und Reduktion des Selektionsdrucks, um individuellen Lernwegen mehr Raum zu geben», sagt Grunder.
Pragmatismus als gemeinsamer Nenner
Auch wenn die Maitlisek in ihrer Beurteilungskultur weit über das Notenzeugnis hinausgeht – ganz ohne Noten kommt auch sie nicht aus. Darin spiegelt sich dieselbe pragmatische Haltung wider, die der VSLSG in seiner Stellungnahme zum Ausdruck bringt: Man trägt die Notenpflicht mit, weil die gesellschaftliche Akzeptanz fehlt für ein System ohne vertraute Masstäbe. Ändern würde man es trotzdem – wenn man könnte. «Auch die Maitlisek sieht die Beurteilung primär als Instrument zur Förderung der individuellen Entwicklung im Lernen und nicht als blossen Endpunkt. Wir wünschen uns vom neuen Volksschulgesetz die Möglichkeit für adaptive Systeme, die auf individuelle Bedürfnisse reagieren», sagt Grunder. Bis dahin bleibt das Notenzeugnis gesetzliche Pflicht – eingebettet an der Maitlisek jedoch in eine Beurteilungskultur, die weit über die Skala von 1 bis 6 hinausgeht.
Selim Jung