Mathias Gabathuler
hat Gespräche zum Sportpark Gründenmoos wieder aufgenommen.
Die Ausserrhodische Kulturstiftung vergibt in diesem Jahr Werkbeiträge im Gesamtbetrag von 90'000 Franken an Kulturschaffende aus diversen Sparten. Zudem werden zwei «Artist in Residence»-Stipendien vergeben. Eines davon geht an Anna Schindler.
Kultur Das Stipendium ermöglicht den Kulturschaffenden, sich an einem frei gewählten Ort ihrer künstlerischen Recherche zu widmen. Das Stipendium ist mit einem Betrag von insgesamt 25'000 Franken dotiert. «Ich habe mich so gefreut darüber – es ist eine extreme Motivation, da ich weiss, ich habe diese Unterstützung», sagt Anna Schindler aus Herisau. Sie ist freiberuflich als Autorin und Schauspielerin tätig. Zudem führt sie am Kantonsspital St.Gallen die sogenannte würdezentrierte Therapie im Palliativbereich durch. «Dort führe ich Interviews und schreibe Lebenspanoramen mit den Patientinnen und Patienten», so Schindler. Schrieb sie bislang Kinderbücher, so widmet sie sich nun einem Roman, der den Titel «Das Schiff aus Elfenbein» tragen wird. Ausgehend von wissenschaftlich gestützten Recherchen und dem Leben von Schindlers Vorfahrinnen, soll eine fiktionale Geschichte entstehen. Ein Generationenroman aus Frauenperspektive im 19. Jahrhundert, der auch ein Stück Kolonial- und Handelsgeschichte einer Reedereifamilie erzählt – im Mittelpunkt steht ein japanisches Erbstück, die titelgebende kleine Elfenbeinskulptur. Mit Reisen unter anderem nach Bremen, Leipzig und Kyoto wird Schindler ihre Recherchen vertiefen und mit dem Schreibprozess verbinden. Einen Verlag hat Schindler bislang noch nicht, dazu müsse erst ein Manuskript her. «So weit bin ich im Prozess noch nicht», meint Schindler.
«Ich starte meine Recherchen bereits im November in Kyoto. Vier Wochen werde ich in Japan zubringen, um herauszufinden, ob die Elfenbeinskulptur schlicht ein Souvenir war oder ob es zur Kultur dort gehörte. Auch möchte sie herausfinden, woher das Elfenbein dieser Skulpturen genau stammt. Danach folgen Recherchen in Bremen und der Besuch aller weiteren Orte, an denen Schindlers Vorfahrinnen gelebt haben. So wird sie noch nach Bristol, Leipzig und Weimar reisen. Ziel ist, je eine Woche in der Recherche zu verbringen, um dann in einen vierwöchigen Schreibprozess zu kommen. In Bremen, wo sie bereits zur Recherche war, hat sie festgestellt, dass die Atmosphäre ganz eine andre war, als wenn sie von zu Hause aus recherchiert. «Das Eintauchen in die Vergangenheit war durch die Archive vor Ort völlig anders. Ich habe dort tatsächlich Briefe meiner Ur-ur-ur-Grosseltern von 1830 gefunden», erzählt sie. Doch nicht nur die Quellen im Staatsarchiv seien interessant, sondern auch die Sache mit den Schiffen, die noch immer eine grosse Rolle spielen in Bremen. «Daher ist sicher auch die Vergangenheit der Reedereifamilie so gut dokumentiert – eine ganz spannende Geschichte mit noch spannenderen Frauen», sagt Schindler.
Die Charaktere und Figuren des Romans stehen noch nicht endgültig fest, ausser einer Frau, die bestimmt eine Rolle spielen wird: Irmgard Kiepenheuer, die Urgrossmutter von Schindler. Sie hat ein Foto von ihr auf dem Küchentisch liegen. «Ich habe lange gebraucht zu realisieren, dass ich keine 'normalen' Vorfahrinnen hatte. Irmgard rauchte, trug Hosen, hatte kurzes Haar. Das war 1920 sehr untypisch, sehr modern, der Zeit voraus», so Schindler. Nur Suffragetten und Künstlerinnen kleideten sich damals so. Schindlers Grossmutter fand es schrecklich, eine solche Mutter zu haben. «Sie wünschte sich ein Mami, das zu Hause ist, nicht eine, die stets unterwegs war», sagt Schindler. Das Spannungsfeld zwischen der künstlerischen Betätigung und Familie ziehe sich durch die Familie – auch sie erlebte das so, wie wohl auch ihre Kinder. «Ich bin ja selbst im künstlerischen Bereich tätig geworden. Nun auch meine Tochter Paula, sie hat dieses Jahr einen der Werkbeiträge erhalten», erzählt Schindler. Für sie ist die Recherche also auch ein Eintauchen in die eigene weibliche Familiengeschichte. Im Roman sollen auch die diversen Klassen auf den Schiffen eine Rolle spielen. «Ich möchte aus Frauenperspektive von Arbeitenden im Heizungskeller, über die schreckliche dritte Klasse bis hin zur ersten Klasse eine solche Schiffsreise beleuchten», sagt Schindler. Ein Tagebuch hat sie dazu bereits gefunden – es stammt von einer Frau aus dem Jahr 1913. «Solche Dinge sind total wertvoll, da sie eine Beschreibung liefern, wie es war.»
Sie freut sich auf die Zeit, die sie für das Buch aufwenden kann, ohne an die Lohnarbeit denken zu müssen. «Ich glaube, so kann ich mich voll und ganz auf das Schreiben einlassen – ganz ohne Ablenkung und Druck, ein Einkommen haben zu müssen», so Schindler. Nach den zwei Jahren, die das «Artist in Residence»-Stipendium andauert, sollen die Ergebnisse des Aufenthalts im Kanton Aussserrhoden präsentiert werden. «Einen gedruckten Roman werde ich bis dahin nicht in Händen halten, mit hoher Wahrscheinlichkeit aber das fertige Manuskript. Womöglich kann ich auch meine Recherche-Reise und den Prozess des Schreibens präsentieren», sagt Schindler. Realistisch sei ein fertig gedrucktes Buch wohl in rund drei bis vier Jahren. «Zuerst muss ich aber mit dem Schreiben beginnen», sagt die Herisauerin und lacht.
Stefanie Rohner
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