«Ich lasse meine Partnerin näher an mich heran»
Rapstar Stress tritt mit dem Album «How To Heal» im Casino Herisau auf. Während es Konzerts spricht er mit Gästen auch über das Thema mentale Gesundheit.
Rapstar Stress tritt mit dem Album «How To Heal» im Casino Herisau auf. Christian Lanz
Rapstar Stress tritt mit dem Album «How To Heal» im Casino Herisau auf. Während es Konzerts spricht er mit Gästen auch über das Thema mentale Gesundheit.
Konzert Stress, der die Rekordzahl von bislang neun Swiss Music Awards gewann, wurde am 25. Juli 1977 als Andres Andrekson im noch sowjetischen Tallinn (Estland) geboren und kam 1988 mit seiner Familie nach Lausanne. Er studierte Wirtschaft und arbeitete bei einem Weltkonzern im Marketing. Elf Jahre gehörte er mit Double Pact zu den Schweizer Hiphop-Pionieren. Die bekanntesten Singles seiner Solokarriere sind «On n’a qu’une terre», «Tous le mêmes», «Elle» und «Just Like I Love You». 2023 konnte Stress als zweiter Schweizer ein «MTV Unplugged» aufnehmen, das zu seiner fünften Nr.1-Album wurde. Mit «How To Heal» und seinem Buch «Wie mit Stress umgehen» tritt er am 7. November im Casino Herisau auf.
Wie kamen Sie auf die Idee, neben dem neuen Album auch ein Buch zu veröffentlichen?
Als ich Rahmen eines Konzerts in Liechtenstein aus meiner Biografie «179 Tage Stress» las und ein paar Gedanken zum Thema mentale Gesundheit teilte, kamen danach mehrere Menschen an meinen Merchandising-Stand und erzählten von ihren eigenen Depressionen. Da realisierte ich, was für ein Bedürfnis nach Austausch existiert. Vielleicht fiel es ihnen leichter, einem Rapper von ihrer Krankheit zu erzählen als ihrem privaten Umfeld, weil das Thema immer noch mit einem Tabu belegt ist. Dagegen wollte ich etwas tun.
Wie entstand das Konzept?
Ich wollte die Tatsache, dass ich kein Psychotherapeut bin, der sich beruflich mit Depressionen beschäftigt, zum Vorteil für Leserinnen und Leser zu machen. Ich schrieb eine Art Tagebuch, fasste am Schluss jedes Kapitels meine Erfahrungen zusammen und beschrieb die «Tricks, die ich gelernt habe, damit es mir besser geht. Vielleicht kann diese Innenperspektive Mitbetroffenen helfen, ihnen einen positiven Impuls geben. Dieser praktische Aspekt war mir wichtig.
Weshalb liessen Sie sich für das Buchcover vom niederländischen Maler Pascal Möhlmann porträtieren?
Ich lernte sein Werk durch Virgil Abloh kennen, den verstorbenen Chefdesigner von Louis Vuitton, der Gemälde von Pascal auf Kleider seiner Modelinie Off-White drucken liess. Als ich Wendelin Hess, dem Grafiker des Echtzeit-Verlags, von ihm vorschwärmte, sagte er mir, dass er Pascal kennt und glaubt, dass wir zusammenpassen würden.
Möhlmanns Bilder erinnern an Kirchenmalereien alter Meister. Was für ein Verhältnis haben Sie zu Religion?
Ich bin in der Sowjetunion aufgewachsen. Da der Staat dort den Platz von Gott eingenommen hat, ist mein Verhältnis zur Religion wenig romantisch. Es ist jedoch nicht zu bestreiten, dass die Bibel einen grossen Einfluss auf die Geschichte der Menschheit und unserer Kultur hat. Pascal malt moderne Motive in der Technik der alten Meister, was zum Thema mentale Gesundheit gut passt, weil es auch auf Ölgemälden keine klaren Linien gibt. Leider leben wir aber in einer Welt, in der das Schwarzweiss-Denken, die Polarisierung ständig zunimmt. Jeder äussert sich über andere, aber niemand hört zu.
Sie haben Ihr Album «How To Heal» betitelt. Was haben Sie bisher über das Heilen herausgefunden?
Ich glaube, es ist ein Prozess, der viel Geduld erfordert. Du musst lernen, nett mit/zu dir selbst zu sein. Wie ich im ersten Kapitel meines Buchs beschreibe, verhielt ich mich mir gegenüber jedoch lange streng wie ein Feldweibel. Ich suchte, woher das kam, und merkte, dass ich mein ganzes Leben lang Angst hatte. Als ich in meinen Beinen so starke Schmerzen bekam, dass ich kaum mehr laufen konnte und die MRI keine Erklärung lieferte, habe ich mit Hilfe eines Psychotherapeuten noch tiefer gegraben, um herauszufinden, wo die Ursache liegt. Erst ab dem Moment, wo du akzeptierst, dass bei dir ein paar Dinge schief sind und du dir Zeit nimmst, um sie zu flicken, kann die Heilung beginnen.
Wie hat sich dieser Prozess auf Ihre heutige Beziehung ausgewirkt?
Ich glaube, ich bin ein besserer Partner, der präsenter ist und die Partnerin auch näher an sich heranlässt. Früher war ich immer davon absorbiert, mit meinen Problemen zu kämpfen, und die Partnerinnen wussten nicht, was mit mir los war und wie sie mit mir umgehen sollten. Da nützte es nicht viel, dass Melanie (Winiger) und Ronja (Furrer) auch zur Showbusiness-Welt gehörten und sie verstanden. Nun wollen meine Freundin und ich beide mehr Privatleben und weniger Stress.
Sie haben viel bekannte Gäste auf Ihrem Album. Haben Sie sich mit Ihnen über das Thema mentale Gesundheit ausgetauscht?
Alle Künstlerinnen und Künstler sind etwas anders und in ihrer persönlichen und künstlerischen Entwicklung an unterschiedlichen Punkten. Krokus-Sänger Marc Storace hat bereits sehr viel Lebenserfahrung mit. Da ging es vor allem um die persönlichen Wünsche, die er noch hat, und bei den Jüngeren mehr um die aktuelle Musik und die Karriere.
Waren die Gäste auch ins Schreiben involviert?
Beim Titelsong «How To Heal» hat Zian von Anfang an mitgearbeitet. Es war schön, wie er meine Impulse aufgenommen und eigene beigesteuert hat. Als ich 2022 mit Steffi Heinzmann das Duett «Just Like I Love You» machte, war es noch viel enger, weil wir beide schon Erfahrungen mit Depressionen und Burnout gemacht hatten. Sie zeigte mir in einem Moment Empathie, in dem ich sie für mich selbst nicht empfand. Das hat mir sehr geholfen und darüber hinaus Emotionen geweckt, die in die Musik eingeflossen sind.
Oft stammen Traumata aus der Kindheit und sind einem gar nicht bewusst.
Ja, und später, wenn du sie erkannt und eine Therapie gemacht hast, trägst du sie weiter mit dir herum. Du musst aber nicht ständig unter ihnen leiden. Als Künstler kannst du aus ihnen sogar Kreativität entwickeln.
Haben Sie Ihren Künstlernamen vor dreissig Jahren selbst gewählt oder von den Mitrappern bei Double Pact bekommen?
Meine Kumpel Nega und Yvan fanden, ich würde immer Stress machen, ich solle endlich damit aufhören. So wählte ich Stress als Street name. Es ist wohl Ironie des Schicksals, dass er einen tieferen Sinn hatte, der mir noch nicht bewusst war. Ich nahm es auch mit Humor, dass ausgerechnet, als ich das Buch «Wie mit Stress umgehen» schreiben wollte, die schwierigste Zeit meines Lebens begann und ich mich einer schweren Operation unterziehen musste.
Welchen Künstlernamen würden Sie sich heute geben?
Das ist unwichtig. Ein Name ist cool, wenn der Mensch, der ihn trägt, coole Dinge macht.
Was führt Sie auf Ihrer Tournee ins Casino Herisau?
Es ist ein wunderschöner Konzertraum, in dem wir früher oft, aber schon länger nicht mehr aufgetreten sind. Die Ostschweiz war immer sehr gut zu uns, seit unseren Anfängen am OpenAir St. Gallen. Ich bin gespannt, wie die Rückkehr mit der erwachseneren Version von mir aufgenommen wird.
Was erwartet das Publikum?
Wir geben Konzerte, wie man sie kennt, und haben zwei Breaks, in denen ich mit wechselnden Gästen über das Thema mentale Gesundheit spreche. Mein Psychotherapeut wird ebenfalls dabei sein und seinen Beruf vorstellen. Er ist kein klischeehafter «Shrink», sondern ein Mensch wie du und ich, der sich als Selbständiger behaupten muss und in der Freizeit am liebsten Metal-Sound hört.
Stimmt es, dass Sie das Wandern für sich entdeckt haben?
Momentan kann ich noch nicht die Wanderungen machen, die ich möchte, weil ich nach meiner Rückenoperation vor fünf Monaten zuerst wieder ganz fit werden muss. Einen Fuss spüre ich noch nicht vollumfänglich. Ich habe Freude daran bekommen, mit der Frau, die ich liebe, in der Natur zu sein und eine neue Form von Glück zu finden. Oberhalb des Walensee auf sieben Kilometer eine Wanderung mit tausend Höhenmeter zu machen, ist eine Herausforderung verbunden mit einem herrlichen Naturerlebnis. Wir nahmen auch schon an einem fünftägigen Trekking in Guatemala teil, auf dem wir alle in Zelten schliefen. Da nimmst du ein Land und seine Menschen ganz anders war. Das erfüllt mich mit grosser Dankbarkeit.
Reinhold Hönle
Die Herisauer Nachrichten verlosen 2x2 Tickets für das Konzert am 7. November. Schreiben Sie bis am 6. November eine Mail an: gewinn@st-galler-nachrichten.ch. Die Tickets können an der Abendkasse abgeholt werden.
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