Mathias Gabathuler
hat Gespräche zum Sportpark Gründenmoos wieder aufgenommen.
Trotz aller Schwierigkeiten hat Arno Tanner die Freude an der Arbeit nicht verloren. z.V.g.
Aktuell koordiniert der 30-jährige Gossauer Arno Tanner ein Projekt, das Flüchtlingen rechtliches Gehör ermöglicht. Im Juni läuft sein Vertrag mit der Hilfsorganisation «Human Rights Legal Project» aus und Tanner plant nach Jahren an der europäischen Aussengrenze seine Rückkehr in die Schweiz.
Samos Zurzeit lebt Arno Tanner auf der griechischen Insel, die im östlichen Ägäischen Meer liegt. Mit seinen Mitstreitern bietet Tanner über das «Human Rights Legal Project» den Flüchtlingen juristische Unterstützung, wobei er in der Projektkoordination und -leitung wirkt. In den vergangenen Jahren hat sich Tanner unter anderem auch in einem Gemeinschaftszentrum oder in der Seenotrettung engagiert. Nach fünf Jahren in Griechenland möchte der 30-Jährige ab Sommer sesshaft werden und sich wieder ein Leben in der Schweiz aufbauen.
Arno Tanner, Sie arbeiten und leben seit fünf Jahren mehrheitlich auf verschiedenen griechischen Inseln in der Flüchtlingshilfe. Ist die Zeit für Sie in diesen Jahren subjektiv schnell vergangen oder eben gerade nicht, da Sie so viel Neues kennenlernten?
Ich habe das Gefühl, die Zeit fliegt. Ein halbes Jahr fühlt sich an wie zwei Monate. Da ich immer wieder neue Leute kennenlerne und in verschiedenen Projekten und neuer Umgebung arbeite, geht die Zeit gefühlt noch schneller vorbei. Wenn ich aber die Geschehnisse Revue passieren lasse wie beispielsweise zuletzt über die Weihnachtstage, realisiere ich, wie viel ich erlebt habe.
Wie würden Sie die letzten fünf Jahre zusammenfassen?
Das Wort «herausfordernd» beschreibt diese sehr gut. Ich habe auch viel Schönes erlebt und es war die beste Entscheidung, mich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. Aber die politische und gesellschaftliche Diskussion spitzt sich zu und die Hilfsorganisationen haben zunehmend Schwierigkeiten, die benötigten finanziellen Mittel zu beschaffen. Flüchtlingshilfe zu leisten, ist ein steter Kampf gegen Windmühlen.
Welche Schicksale bleiben Ihnen besonders in Erinnerung?
Das sind vor allem die Geschichten von Menschen, mit denen ich längerfristig in Kontakt bleibe. Menschen, denen es gelungen ist, sich in einem neuen Land etwas aufzubauen, die wieder selbst über ihr Leben entscheiden können und Teil der Gesellschaft sind – sei es in Paris, Hamburg oder der Schweiz.
Sie erinnern sich also mehr an die positiven Geschichten als an die tragischen Schicksale?
Ja, das ist ein wichtiger Mechanismus. Würde ich mich immer mit den negativen Geschichten aufhalten, könnte ich die Arbeit nicht machen. Zwar werden den Flüchtlingen immer wieder Hürden in den Weg gestellt und doch gibt es immer Menschen, die es schaffen, in einer neuen Gesellschaft Fuss zu fassen und glücklich zu werden. Dass wir mit unserer Arbeit den Flüchtlingen zeigen, dass es Leute gibt, die sich auf menschlicher Ebene für sie interessieren, ist dabei eine grosse Unterstützung.
Und doch sind Sie bei Ihrer Arbeit mit sehr viel Leid konfrontiert. Wie gelingt Ihnen die Abgrenzung?
Das ist eine gute und wichtige Frage. Der Umgang mit dem Leid ist ein Prozess, den alle durchmachen müssen, die in diesem Bereich arbeiten. Und ich habe tatsächlich viele Kolleginnen und Kollegen erlebt, die die Arbeit nicht länger machen konnten, weil es sie psychisch überforderte. Persönliche unternehme ich Aktivitäten, die mir guttun. Dazu zählen Fitness, Bewegung an der frischen Luft, kochen oder Tagebuch führen.
Ihr aktueller Vertrag läuft bis im Sommer. Wie geht es für Sie danach weiter?
Ab Juni will ich wieder in der Schweiz leben. Das steht und fällt aber mit der Jobsuche. Gerne möchte ich das Thema Flüchtlinge vermehrt auf die Agenda bringen, Öffentlichkeitsarbeit für Betroffene machen, aber auch Begegnungspunkte schaffen. Es bestehen viele Vorurteile, die im persönlichen Kontakt verschwinden.
Können Sie schon ein konkretes Projekt nennen, das Sie angehen werden?
Ich werde sicherlich das Engagement des Vereins Paréa St.Gallen vorantreiben, den wir 2022 gegründet haben und der sich in der Flüchtlingshilfe engagiert. Für den Verein «Europe Cares» werde ich weiterhin mehrmals im Jahr vor Ort auf die griechischen Inseln reisen.
Sie bleiben der Flüchtlingshilfe also erhalten?
Ganz bestimmt – aber weniger vor Ort. Es ist Zeit für mich, nicht nur von Monat zu Monat zu leben, für meine Familie da zu sein und endlich wieder ein Privatleben zu haben.
Weshalb haben Sie sich die letzten Jahre so stark der Flüchtlingshilfe verschrieben?
Ich bin mit der europäischen Flüchtlingspolitik nicht einverstanden und immer nur zu denken, man kann als Einzelner eh nichts ändern, war sehr unbefriedigend. Über einen persönlichen Kontakt bot sich mir die Möglichkeit, mich als Freiwilliger vor Ort zu engagieren. Ich sah die Wirkung meines Handelns und so entschied ich mich dafür, diese sinnstiftende Arbeit weiterzumachen, statt in die Schweiz zurückzukehren.
Interview von Tobias Baumann
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