Beat Schwarz
freut sich darüber, dass die Vorlage «Wil-West» angenommen wurde.
Erstmals liegt in Ausserrhoden eine umfassende kantonale Strategie für die Förderung, die Partizipation sowie den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor. Sie dient allen Personen, die ausserhalb der Schule mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Die Strategie beinhaltet, neben rechtlichen und konzeptionellen Grundlagen, einen Massnahmenplan mit Zuständigkeiten und Empfehlungen.
Kinder- und Jugendpolitik Die neue Strategie wurde innert vier Jahren mit Fachpersonen, Gemeindevertretungen und kantonalen Vertreterinnen und Vertretern sowie mit Kindern und Jugendlichen entwickelt. «Das war uns ein grosses Anliegen. Es hätte keinen Sinn ergeben, die Strategie zu erstellen, ohne Kinder und Jugendliche einzubinden und zu befragen», sagt Irina Wedlich, Familien-, Kinder- und Jugendbeauftragte des Kantons Ausserrhoden. Viele hätten sich bereits an der vorangegangenen Situationsanalyse beteiligt und nachdem die Strategie und Massnahmen in einem Entwurf vorlagen, konnten sich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen neun und vierundzwanzig Jahren an einem Tag im Kinderdorf Pestalozzi erneut dazu äussern, das Ganze ergänzen und Rückmeldung geben. «Das Schöne war, dass junge Menschen aus allen Ausserrhoder Regionen dabei waren und die Altersgruppen gut durchmischt waren», sagt Wedlich.
Die Strategie richtet sich an alle, die ausserhalb der Schule mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und bietet praktische Leitlinien und Empfehlungen, um Projekte erfolgreich umzusetzen. Das Kernstück des Strategiepapiers setzt sich aus der Vision, den Leitzielen sowie fünf Handlungsfeldern zusammen. Der daraus abgeleitete kantonale Massnahmenplan beinhaltet neben den Aufgaben und Unterstützungsangeboten des Kantons auch Empfehlungen an Gemeinden, Angebote und Institutionen. Rund 14'000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von null bis vierundzwanzig Jahren leben in Appenzell Ausserrhoden – das entspricht einem Viertel der Bevölkerung. Während für die frühe Kindheit (null bis vier Jahre) bereits ein kantonales Konzept und ein Aktionsplan bestehen, fehlte für die älteren Kinder und Jugendlichen bislang eine koordinierende Strategie. Diese liegt nun vor. Bevor die Strategie erarbeitet wurde, ist eine Situationsanalyse entstanden. «Mit dieser wollten wir herausfinden, wie es den Kindern und Jugendlichen im Kanton geht, woran es ihnen fehlt und welche bestehenden Angebote gut laufen. Die Kinder und Jugendlichen sind unsere Zukunft – Entscheidungen, die wir heute für und mit ihnen treffen, können ihre Zukunft beeinflussen», sagt Wedlich. Damit es ihnen an nichts fehle, dafür müssten in erster Linie die Eltern sorgen – Bund, Kantone und Gemeinden müssen aber für die passenden Rahmenbedingungen sorgen. «Alle sollten die Möglichkeit haben, gesund aufzuwachsen und sich zu glücklichen Erwachsenen entwickeln zu können, die ihr Potenzial ausschöpfen», so Wedlich.
Eine koordinierte kantonale Kinder- und Jugendpolitik stelle sicher, dass staatliche und institutionelle Stellen auf Grundlage der Lebensumgebung der Jugendlichen sinnvoll zusammenarbeiten können. Das beinhalte alle Bereiche von Bildung über Gesundheit bis hin zu Sozialem. «Unsere Koordination sorgt dafür, dass keine Lücken bleiben und die Arbeit nicht doppelt gemacht werden muss – und uns kann man stets für eine Beratung kontaktieren», sagt Wedlich. Die Strategie basiert auf einer breiten Situationsanalyse der OST – Ostschweizer Fachhochschule aus dem Jahr 2022. Die wichtigste und schönste Erkenntnis daraus sei gewesen, dass die meisten jungen Menschen in Ausserrhoden mit ihrer Lebenssituation zufrieden sind. Altersgerechte Angebote seien vorhanden, jedoch nicht für alle Kinder und Jugendliche gleich gut erreichbar oder bekannt. «Mehr als die Hälfte der jungen Menschen wünschen sich zudem mehr Mitbestimmung, sei dies in der Gemeinde, in der Familie oder im Freundeskreis», erläutert Wedlich. Moniert wurde zudem, dass die Erreichbarkeit der Angebote durch die grösseren Distanzen im ländlichen Raum eingeschränkt sei und bestehende Angebote bekannter, bezahlbar, niederschwellig und qualitativ hochwertig sein sollten. «Die Angebote werden aber sehr geschätzt und gut genutzt», meint Wedlich. Punkto Partizipation können die Gemeinden nun mit den vom Kanton erstellten Leitlinien arbeiten und wenn gewünscht, sich vom Kanton beraten oder mit Forschungsinstitutionen verbinden lassen. «Wir achten darauf, dass die Kompetenzen für die Förderung von Partizipation koordiniert sind und dass Wissen vorhanden ist. Die Gemeinden wissen aber am besten, was zur Verfügung steht», sagt Wedlich. Unterstützung durch den Kanton kann auch bedeuten, dass Gemeinden beraten werden, wie man altersgerecht und mit einfacher Sprache auf Jugendliche zugeht, wenn partizipativ etwas erarbeiten werden soll. «Die Kinder und Jugendlichen sollen auf der anderen Seite merken, dass ihre Stimme gehört wird und das zu einem Ergebnis führen kann – zum Beispiel, wenn man einen Spiel- oder Skateplatz verwirklichen will», sagt Wedlich. Die Jugendlichen würden so auch lernen, wie politische Prozesse funktionieren und wie langwierig sie auch sein können. «Es soll keine Scheinpartizipation sein, wenn man sie anbietet», betont Wedlich.
Auch wenn es um Kinderrechte geht, hilft die neue Strategie. Fachpersonen seien sehr gut über diese informiert, die jungen Menschen selbst nicht so. «Es hat also Luft nach oben. Drei Viertel der Jugendlichen waren der Meinung, dass sie selbstständig keine Veränderung im Lebens-umfeld erreichen können», sagt Wedlich. Punkto Chancengleichheiten und Zukunftsperspektiven seien die Jugendlichen allerdings sehr gut über berufliche Perspektiven informiert. «Da leisten unsere Schulen einen sehr guten Job. Fachpersonen sagen aber, dass die Chancengleichheit je nach Wohnort eingeschränkt sein kann. Wer sehr ländlich wohnt, für den ist der Weg an eine weiterführende Schule oder zum gewünschten Lehrbetrieb allenfalls sehr weit – was manchmal nicht machbar ist oder die Entscheidung über die Zukunft erschweren kann», sagt Wedlich. Wo Kinder und Jugendliche noch zu wenig Informationen haben, zeigte sich ebenfalls bei der Situationsanalyse. «Viele wissen nicht, an wen sie sich wenden könnten, wenn es um Konflikte, Gewalt und psychische Gesundheit geht. Da sind eine bessere Zusammenarbeit und Zugang zu Informationen und Angeboten noch nötig», sagt Wedlich.
Der kantonale Massnahmenplan enthält auch Empfehlungen an Gemeinden und Institutionen. Wie wird sichergestellt, dass diese Empfehlungen auch umgesetzt werden? «Bei Empfehlungen können wir das nicht verlangen und prüfen. Aber schon bei der Situationsanalyse hat sich gezeigt, dass in den Gemeinden viel Engagement vorhanden ist bei diesem Thema und viele Gemeindevertretungen aktiv etwas dafür tun wollen. Nun haben wir endlich etwas auf Papier, damit Gemeinden sich daran orientieren und wir auch helfen können bei der Vernetzung», meint Wedlich. Die Strategie stellt nun also die Perspektive junger Menschen ins Zentrum. «Die Sensibilität dafür ist in den meisten Gemeinden vorhanden. Einige haben schon Jugendräte oder wissen, wie sinnvoll es ist, Partizipatives auf die Beine zu stellen», sagt Wedlich. Es sei wichtig, dass sie ein Gespür entwickeln und lernen, wie sie sich zu politischen Menschen entwickeln können. Die Leistungsvereinbarung mit den Jugendparlament (Jupa) SG-AR-AI bestätige, dass die Arbeit fruchtet. «Das Jupa animiert Kinder und Jugendliche und bringt ihnen Informationen zu politischen Vorgängen. Es ist sensationell, wie sie sich an Themen herantrauen und ein Gefühl für Kompromisse und die demokratischen, politischen Prozesse entwickeln», sagt Wedlich. So wissen Jugendliche auch bei partizipativen Vorgängen, dass es mal länger dauern kann und was nötig ist, bis etwas umgesetzt werden kann. «Zu lernen, dass die Demokratie zwar langwierig, aber dafür wichtig ist, um friedlich und frei leben zu können, ist enorm wichtig. Zu merken, dass darin ein grosser Wert liegt, ist zentral.»
Stefanie Rohner
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